28.12.15

EFFEKT


»...Und auch das Eisen fand er. Willst du dich von mir schmieden lassen? fragte er das Eisen. Du brauchst keine Angst vor dem Feuer zu haben. Ich mache Werkzeug aus dir, glatt und scharf, kostbar und voller Glanz. Aber du musst mir versprechen, dass du dich nicht gegen mich und meinesgleichen richtest. 

Das versprach das Eisen, und Illmarinen machte sich ans Werk. Er schmiedete drei Tage lang. Am Ende fehlte ihm Nektar für das Wasserbad, in dem das Eisen langsam abkühlen und härten sollte. Illmarinen schickte seine Bienen los. Doch Hiisi, der Höllenfürst, befahl den Hornissen, Natterngift ins Wasser zu gießen. Und Illmarinen bemerkte nicht, dass er betrogen wurde. Das Eisen aber, das er in das Wasserbad gab, wurde vom Natterngift wütend und tückisch. 
Sein Schwur, niemals Menschen zu verwunden, vergaß es schnell.«

Kalevala (Verlag Galiani Berlin)




SIGNAL


22.12.15

WINTERSONNENWENDE

»Wir müssen uns Santa Claus als einen glücklichen Menschen vorstellen.«

コメント (EINSBERG)


21.12.15

CHRONIK


»In unserer Kultur macht sich ohnehin ständig jeder Aufzeichnungen über alles mögliche und es wird als wesentlich wichtiger angesehen, zu notieren, was geschieht, als ein Ereignis zum Zeitpunkt seines Geschehens zu erleben«

Alan Watts (Philosoph)


19.12.15

KRÜMMUNG

»Was hatte ich doch für ein herrliches Leben! 
Ich wünschte nur, ich hätte das früher bemerkt

Colette (Schriftstellerin)




SIGNAL



INTERFERENZ




12.12.15

KIDS

»Alles wird zum Ausdruck eines Überlebenskampfes, dessen Ziel es ist, nicht abgewertet zu werden und vor allem nicht zu versagen. Leben als Ausdruck von Liebe, von emphatischen Wahrnehmungen und menschlichem Mitgefühl, geht verloren.«

Arno Grün (Psychoanalytiker)



9.12.15

KENNWORT


»Interviews sind so töricht. Die Presse missversteht mich immerzu, ich halte mich fern von ihr. Sie fragen mich nach der Aussage meiner Stücke, aber es gibt keine Aussage. Was ich zu sagen habe, sagen die Texte. Die Journalisten drehen mir die Worte im Munde herum und suchen nach verborgenen Lösungen für irgendwelche Rätsel. Ich habe keine Lösungen. Wenn ich lese, was ich geschrieben haben soll, verstehe ich kein Wort.«

Samuel Beckett (Schriftsteller)




6.12.15

DOOR BERLIN



Wenn ich skeptisch kieke,
sehe ich die Braunhemden,
in der Kneipe brüten 

俳句 (EINSBERG)




4.12.15

DOOR BERLIN (WINTER SPECIAL)



Lausche, Teenagergebrüll!
Frischer Nieselregen fällt
auf den Tanzschuppen.

俳句 (EINSBERG)


AMPELSCHALTUNG

»Das diffuse Spektakuläre begleitet den Warenüberfluß, d.h. die ungestörte Entwicklung des modernen Kapitalismus. In diesem Fall ist jede einzelne Ware im Namen der Größe der Gesamtproduktion der Gegenstände gerechtfertigt, deren Spektakel ein apologetischer Katalog ist. 

Unvereinbare Behauptungen drängen sich auf der Bühne des vereinigten Spektakels der Überflußwirtschaft, ebenso wie verschiedene Star-Waren gleichzeitig ihre widersprüchlichen Einrichtungspläne der Gesellschaft vortragen, in der das Spektakel der Kraftwagen einen vollkommenen Verkehr verlangt, der die Altstädte zerstört, während das Spektakel der Stadt selbst Museen-Viertel braucht. Daher wird die bereits problematische Zufriedenheit, die angeblich dem Konsum der Gesamtheit eignet, unmittelbar verfälscht, indem der wirkliche Konsument direkt nur eine Aufeinanderfolge von Bruchstücken dieses Warenglücks berühren kann, denen jedesmal die der Gesamtheit zugeschriebene Qualität offensichtlich fehlt.«



Guy Debord (Künstler, Filmemacher, Autor)



1.12.15

ALL INCLUSIVE


»Aber allein mit der Vietnamesin in einem Raum fühle ich mich wie Hitler.
Ich will ihr immer sofort das Staubtuch aus der Hand reißen und selber putzen.«

Wolfgang Herrndorf (Schriftsteller)





29.11.15

DURCHEINANDERWERFER


»So bleibt die grundlegende Frage der politischen Philosophie immer noch jene, die Spinoza zu stellen wußte (und die Reich wiederentdeckt hat): Warum kämpfen die Menschen für ihre Knechtschaft, als ginge es um ihr Heil? [...]. Wie Reich sagt, liegt das Erstaunliche nicht darin, daß Leute stehlen, andere streiken, vielmehr darin, daß die Hungernden nicht immer stehlen und die Ausgebeuteten nicht immer streiken.«


Gilles Deleuze/Felix Guattari (Philosophen)





ERNEUERUNG


»Im Bus wird man nie von der Polizei angehalten. 
Der Bus so gemütlich und groß. Ein lieber Riesenkäfer.
Ich sitze immer ganz vorne.«


Anonymous (Zeitzeuge 2015)



26.11.15

SIGNAL


GLEICHGEWICHT


»Ich fange ein Bild an, und ich bringe es zu Ende. Ich mache mir keine Gedanken über Kunst, wenn ich arbeite, ich versuche, über das Leben nachzudenken.«


Jean-Michel Basquiat (Künstler)




25.11.15

PERZEPTION


»Es wird immer schlimmer. Merkst du das? 
Als würde man plötzlich überall Hakenkreuze sehen«

Anonymous (Zeitzeuge 2015)






24.11.15

VIERTE GEWALT

»Man hielt mich für ein Wunderkind, obwohl ich nur ein Waisenkind war.«


Attila József (Lyriker)


DER MILCHSTRASSE GLEICH

Der Milchstrasse gleich,
die sich weitet so weich
in wandernde Himmel hinüber
wie die Wirklichkeit nach dem Fieber,

so leuchtet und dehnt
sich in meiner Seele, die Welten ersehnt,
der Menschheit Befreiung.

Das All glänzt rein und frisch und satt,
ein Tautropfen auf einem Blatt

18.11.15

WILLE


»Wir müssen an den freien Willen glauben. Wir haben keine Wahl.«

Isaac Bashevis Singer (Schriftsteller)


13.11.15

JAZZ



NICHT-GATTER


»In ganz seltenen Augenblicken öffnet sich dem Menschen eine Wirklichkeit, in der das über ihn und zugleich in ihm waltende Wesen, den Sinn des Lebens mit einer alles durchleuchtenden Plötzlichkeit erblickt und erfaßt. Das ganze frühere Leben versinkt in ein Nichts vor diesem Erleben, alle seine Konflikte und die Leiden und Qualen und Irrungen, die sie verursacht haben, erscheinen kleinlich und wesenlos. Der Sinn ist erschienen und die Wege ins lebendige Leben stehen der Seele offen.«


Georg Lukács (Theorie des Romans)





11.11.15

IMPULS


»Das Glück war bescheiden und brüchig. Aber es gab Glück: 
als Glücksversprechen. Es gab das wenigstens für die, deren Kindheit nicht eine einzige Katastrophe gewesen war. Es gab die Erfahrung, „daß in der Jugend unendlich Vieles als Versprechen des Lebens, als antizipiertes Glück wahrgenommen wird, wovon dann der Alternde, durch die Erinnerung hindurch, erkennt, daß in Wahrheit die Augenblicke solchen Versprechens das Leben selber gewesen sind‟ (Mahler). Nicht richtig gelebt, aber gelebt hat, wem das Glücksversprechen die Kraft im Wiederspruch verliehen hat.«


Adorno (Philosoph)






PERSONAL

»Es ist kein Zeichen von Gesundheit, an eine von Grund auf kranke Gesellschaft gut angepasst zu sein.«


Jiddu Krishnamurti (Philosoph)



7.11.15

DOOR BERLIN



Der bröckelige Altbau:
Ein eitler Pfau springt hinein.
Vom Bagger ein Gedröhne.


俳句 (EINSBERG)




29.10.15

DOOR BERLIN




Wenn ich einst sterbe,

so rufe an diesem Tage,
Du, eitler Esel.


俳句 (EINSBERG)




ZUKUNFT


»Immer ist die wichtigste Stunde die gegenwärtige; immer ist der wichtigste Mensch, der dir gerade gegenübersteht, immer ist die wichtigste Tat die Liebe.«

Meister Eckhart (Mystiker)


28.10.15

DOOR BERLIN




Im Straßencafé:
Die Spatzenkinder und ich.
Nichts als nur rumalbern.


俳句 (EINSBERG)




27.10.15

KIOSK


«Man muss sich Luft machen. Ohne zu atmen, können wir nicht leben. In einer Zeit, in der Meinungsmasseure nur das darbieten, wovon sie denken, dass die Mehrheit es hören will, während diese wiederum nur das glaubt, wovon man ihr sagt, dass sie es glaubt, in so einer Zeit, hat der aus der Art geschlagene Einzelne die undenkbare Pflicht, gegen den Wind zu reden.»


Erwin Chargaff (Zeugenschaft)






26.10.15

DOOR BERLIN



Herbstnacht.
Nichts als Kühlschranksurren.
Der Restaurantmüll stinkt nach Fisch.


俳句 (EINSBERG)






OLD MASTER


22.10.15

GASTHAUS


«Das lächelnde Gesicht von Kasyapa ist die Welt. Es ist Leben und Tod, 
Kommen und Gehen. Es ist das Gesicht der je weilenden Dinge. Dieses 
ent-leerte, ent-innnerlichte, selbstlose Blumengesicht, das Berge und Flüsse, Erde, Sonne und Mond, Wind und Regen, Menschen, Tiere, Gräser und Bäume atmet, empfängt oder widerspiegelt, ließe sich als der Ort der archaischen Freundlichkeit beschreiben. 
Das archaische Lächeln, dieser tiefe Ausdruck von Freundlichkeit erwacht dort, wo das Gesicht seine Starre bricht, grenzen-los wird, wo es sich in ein Niemandsgesicht verwandelt.»


Byung-Chul Han (Philosophie des Zen-Buddhismus)






20.10.15

BASIS UND ÜBERBAU

Die Versuchung der Menschen meiner Generation war eine doppelte:
entweder nichts für wahr zu halten oder in der Hingabe an eine historische Vorbestimmung die einzige Wahrheit zu sehen. Viele gaben der einen oder der anderen Versuchung nach, was nur besagt, dass die Welt in der Hand der Machthungrigen verbleibt und schließlich vom Terror regiert wird.
Wenn nichts wahr ist oder falsch, nichts gut oder böse, wenn Tüchtigkeit der einzige Wert ist, dann kann man sich nur zur Regel machen, der Tüchtigste, das heißt der Stärkste zu werden.
Dann ist die Welt nicht in Gerechte und Ungerechte eingeteilt, sondern in Herren und Sklaven. 

Wer herrscht, ist im Recht.


Albert Camus (Die Krise des Menschen)





4.9.15

PLAGE


«Das Geld ist nichts als ein kleines Stück Faulheit. Je mehr man davon hat, desto ausgiebiger wird man die Glückseligkeit der Faulheit kennenlernen. Im Kapitalismus ist die Arbeit auf eine Weise organisiert, die den Zugang zur Faulheit nicht allen Menschen gleichermaßen ermöglicht: Genießen kann die Faulheit nur, wer durch Kapital abgesichert ist. So hat sich die Klasse der Kapitalisten von dieser Arbeit befreit, von der sich die gesamte Menschheit befreien muß.»


Kasimir Malewitsch (Faulheit)






23.8.15

DOOR BERLIN




Meine Nachbarn hassen mich:
Er hüpft herum
den ganzen Sommerabend.


俳句 (EINSBERG)





DOOR BERLIN




so unerträglich
die faulen Pflichtbewussten:
flimmernde Flachbildschirme.


俳句 (EINSBERG)






21.8.15

DOOR BERLIN


Nichts als Fliegen und Wespen -
und nah an meinem Fahrrad
parkt auch noch ein Auto.


俳句 (EINSBERG)






DOOR BERLIN



Der Hausmeister, ein bißchen dumm:
Er sammelt auch die Hundekacke
des Nachbarhauses.


俳句 (EINSBERG)




DOOR BERLIN




Die kranke Taube
taumelt in die Hitze des Tages: 
ihr letzter Stadtspaziergang...


俳句 (EINSBERG)





DOOR BERLIN



Türen betrachtend,
verzehre ich mein Eis,
so einer bin ich.

俳句 (EINSBERG)



DOOR BERLIN




Der dicke Mann 
er pennt und pennt
den ganzen Sommermorgen

俳句 (EINSBERG)




DOOR BERLIN




Tiefer Sommer.
Mein Nachbar - 
wie mag's ihm gehen?

俳句 (EINSBERG)




DOOR BERLIN




Diese Tür 
benutzt niemand
an diesem Sommertag

俳句 (EINSBERG)



8.7.15

GATTUNG


«Ich könnte nicht sagen, daß ich ursprünglich mit der Absicht nach Paris ging, mich nach Arbeit umzusehen; dieser Gedanke war mir sogar widerwärtig...



Jo Davidson war der erste internationale Künstler, den ich kennenlernte. Ich war fasziniert von seinem Geist, seiner Vitalität und seiner Unabhängigkeit von allen geheiligten Werten, deren Verehrung mir anerzogen worden war, die mich aber insgeheim belustigten; das entging freilich den Spießern nicht, und sie zahlten es mir auf ihre hinterhältige Weise heim.»




Arthur Power (Gespräche mit James Joyce)







13.6.15

ORIENTIERUNG


«Von der Aufführung selbst will ich jetzt nicht erzählen und bemerke nur nebenbei, daß Eva keinen Erfolg hatte. Die versammelten Eltern, unter Ihnen auch meine Mutter, fanden sie zu kühn, zu wenig weiblich, ein bißchen ordinär und irgendwie komisch usw.; besser gesagt, sie spürten an ihr die Rebellion, und ohne daß an Evas Spiel oder an ihrer Kleidung oder an ihrem Benehmen etwas auszusetzen gewesen wäre, waren sie empört. Aber auch unter den Jungen hatte Sie keinen Erfolg, umsonst war sie viel schöner als die kleinen Flammen vom Tanzkurz. Die Jungen erkannten zwar an, daß sie sehr schön war, >aber irgendwie...<, sagten sie und zuckten mit den Schultern. In diesen gutbürgerlichen Jungen steckte schon der Keim einer Abwehr gegen jegliches Aufbegehren, so wie bei den Eltern. 

Nur Ervin und Janos erkannten in Eva die verzauberte Prinzessin, denn Sie waren selbst Aufständische.»


Antal Szerb (Schriftsteller)